Verstopfen Patienten mit Bagatellbeschwerden die Praxen?
Immer wieder höre ich, dass inzwischen mehr Leute zum Arzt gehen, als dies noch vor Jahren der Fall war. Heute geht man schneller und häufiger zum Arzt, auch bei kleineren Beschwerden. Das Problem dabei ist, dass die Leute nicht nur zu ihrem Hausarzt gehen, sondern immer häufiger auch ins Krankenhaus, wo sie sich direkt in die Notaufnahme setzen.
Die Ärzte finden das weniger gut, denn solche Patienten verstopfen die Praxen regelrecht. Sie haben dann total unspektakuläre und alberne Beschwerde. Viele kommen wegen einer kleinen Erkältung, wegen belanglosen Kopfschmerzen oder weil ihnen mal der Bauch nach dem Essen weh tat.
Ich selbst sehe das aber auch bei meinen Freunden und Bekannten. Jedesmal wenn ich etwas habe, wird mir auch direkt dazu geraten zum Arzt zu gehen. Selbst wenn es nur leichte Ohrenschmerzen nach einem Fahrradausflug sind, was doch wohl normal ist. Geht ihr auch wegen Bagatellbeschwerden zum Arzt? Habt ihr kein schlechtes Gewissen, da wegen euch auch Leute warten müssen, die ernsthaft erkrankt sind?
Das Problem sind weniger die Hausarztpraxen, denn diese sind für die Bagatelle zuständig. Hingegen ist ein Krankenhaus oder der Rettungsdienst dafür nicht die richtige Anlaufstelle und ja, dort hat es drastisch zugenommen mit eben solchen Lappalien. Die Hemmschwelle ist einfach geringer geworden zum Arzt zu rennen und ich würde auch sagen, dass die Gesellschaft einfach verweichlicht. Früher ist man wirklich nur zum Arzt gegangen wenn es gar nicht mehr geht und hat sich auch gegen eine Krankschreibung gewehrt. Heute legen es die meisten nur darauf an und möchten auch nichts anderes, wenn sie sich zu ihrem Hausarzt ins Wartezimmer setzen.
Im Krankenhaus sorgt es dafür, dass richtige Patienten die dort hingehören einfach langer behandelt werden können auch wenn diese bevorzugt dran kommen. Aber die Ärzte und Pfleger werden natürlich ständig gefragt wann man denn dran käme, da die wenigsten einfach Verständnis dafür haben das ihre Ohrenschmerzen nicht akut sind und man sie deswegen 4-6 Stunden warten und sitzen lässt damit eben die anderen Patienten die mit Schmerzen, Infarkten und Co kommen zuerst behandelt werden können.
Im Rettungswesen ist das nicht anders. Weil man dort offenbar keine Zeit findet Tagsüber zum Arzt zu gehen, wird Nachts der Rettungswagen für die unmöglichsten Dinge gerufen. Wenn mir dann jemand schon sagt er hat Ohrenschmerzen seit 3 Tagen, dann kriege ich schon einen Ausraster und weise mehr als deutlich daraufhin, dass ich für Notfälle da bin und nicht für solche Lappalien.
Von den meisten bekommt man dafür kein Verständnis, da man sich selbst gerne als den Mittelpunkt der Welt sieht und gerade wenn man "krank" ist, dann muss sich einfach alles um einen drehen. Gerne werde ich dann auch als "dumm, inkompetent" bezeichnet da ich nicht sehen würde wie schlecht es demjenigen geht. Wie schlecht kann es jemanden schon gehen wenn er damit 3 Tage nicht beim Arzt war und während meiner Anwesenheit munter durch seine Wohnung rennt? Offenbar nicht so schlecht das es den Einsatz für einen Rettungswagen rechtfertigen würde.
Entsprechend schreibe ich die Rechnung für den Einsatz auch auf Privat. Dann bekommt der entsprechende Mensch die Rechnung für den Einsatz nach Hause und kann sich selbst darum kümmern das diese beglichen wird, entweder aus eigener Tasche oder er erzählt davon seiner Krankenkasse die das dann eventuell aus Kulanz dann übernimmt. Ein solcher Einsatz kostet halt einmal 600-1500 Euro, je nach Rettungsmittel und Aufwand. Wenn derjenige am Telefon erzählt er hat einen Infarkt und vor Ort dann Ohrenschmerzen angibt, dann sind weder die Kollegen noch der Notarzt erfreut der mitgeschickt wurde und handhaben es inzwischen genauso.
Gehe ich bei mir von einer normalen Schicht mit 12 Stunden aus und den 10 Einsätzen die im Schnitt vorhanden sind. Dann sind 6 davon bereits komplett überflüssig und könnten vom Hausarzt behandelt werden. Nachdem bei uns aber auch gerne übertrieben wird und der sterbende Schwan gespielt wird, müssen diese im Zweifel mit ins Krankenhaus genommen werden wo sie entsprechend die Notaufnahme wieder blockieren und verstopfen.
Ich selbst renne nur selten zum Arzt und wenn dann muss der Kopf quasi schon unter dem Arm sein. Ich habe gar nicht die Zeit für jede Kleinigkeit dort hin zu rennen und wenn ich mich einfach nicht gut fühle wegen Erkältung etc. und nur eine Krankschreibung für 2-3 Tage brauche, dann sage ich das direkt an der Anmeldung und bekomme diese ohne das ein Arzt darauf geschaut hat. Das wird eher begrüßt als wenn noch eine Show abgezogen wird und dem Arzt damit die Zeit gestohlen wird nur um an einen entsprechenden Zettel zu gelangen.
Ich gehe nicht wegen jedem Zipperlein zum Arzt. Bei meinem Hausarzt war ich glaube ich 1,5 Jahre nicht mehr und davor war ich auch nur da, weil ich mein Schilddrüsenmedikament aufgeschrieben bekommen musste, was mir nun mein Mann immer mitbringt. Ansonsten hatte ich eigentlich nichts Ernstes und ich gehe auch nicht so gerne zum Arzt, weswegen ich wirklich nur gehe, wenn ich akut etwas habe.
Wobei es sicherlich Fälle gibt, die dann die Krankenhäuser blockieren damit. Beispielsweise haben mein Mann und ich mal die Freundin des Onkels an Weihnachten ins Krankenhaus gebracht weil sie Ohrenschmerzen hatte. Bei uns hat sie das dramatisiert und hochgepuscht, so dass es nach schlimmen Schmerzen und Gleichgewichtsverlust klang, was ja durchaus ein Grund wäre, wenn es plötzlich eintritt. Nun kamen wir dann aber bei ihr an und sie lief ganz normal und so weiter. Das Ohr war nur leicht angeschwollen, ein bisschen rot. Gefahren haben wir sie dann trotzdem, weil es uns einfach zu blöd war.
Ich finde es wirklich schlimm, wenn die Leute wegen jedem kleinen Scheiß sofort ins Krankenhaus gehen und dann dort alles blockieren. Als ob die Ärzte dort nicht schon genug zu tun hätten. Gerade im Krankenhaus ist es einfach wichtig, dass man wirklich etwas hat und nicht nur wegen einem kleinen Leiden hingeht, was dann auch ein Hausarzt auffangen kann.
Ich bekomme so etwas bei meiner Arbeit auch immer wieder mit. Auch wenn immer wieder erzählt wird, dass die Menschen nicht bei der Arbeit fehlen wollen und darum lieber auch krank zur Arbeit gehen, ist es doch so, dass viele der Rezepte aus der Klinik am Wochenende nicht gerade wichtige Medikamente beinhalten. Da werden dann Nasentropfen und Kopfschmerztabletten auf grünen Rezepten verschrieben und das sind ja eigentlich Dinge, die man auch so kaufen kann und für die man nicht zum Arzt muss.
Um das ganz deutlich zu machen: Ich gebe euch Recht! Lappalien gehören nicht in die Notaufnahme. Ich bin auch niemand, der gleich zum Arzt rennt. Im Gegenteil. Als Kind/Jugendliche hatte ich gar keinen Hausarzt, weil meine Mutter eben auch keine Arztrennerin ist. Als Studentin und danach war ich auch jahrelang nicht beim Arzt und hatte eben keinen Hausarzt.
Das hat letztlich dazu geführt, dass ich mit Atemnot am Telefon hing und mich kein Allgemeinarzt in seiner Praxis empfangen wollte. Also bin ich damit in die Notaufnahme, obwohl ich in einer Praxis vollkommen zufrieden gewesen wäre.
Problem Nummer 2: Warum sind Beschwerden nach drei Tagen plötzlich so dringend? Und wieder: ich gebe euch grundsätzlich Recht, dass man keinen Notarzt rufen muss, wenn man Ohrenschmerzen hat und noch munter durch die Wohnung läuft. Aber es kann eben auch sein, dass die Psyche ganz schön leidet.
Ich habe meine Atemnot auch ein paar Tage ausgehalten. Ich dachte, es wäre eine Bronchitis und habe sie mit Tee ertragen. Aber nach der dritten Nacht ohne richtigen Schlaf war ich einfach fertig und da es nicht besser wurde, kamen eben auch Zweifel auf, ob es richtig ist, das unbehandelt zu lassen oder ob es vielleicht etwas viel Schlimmeres ist.
Problem Nummer 3: die Rechnung dem eingebildeten Patienten überlassen. Kling erst mal nach einer guten Idee, um solche Hypochonder und Dramatiker darauf hinzuweisen, was sie da für Unkosten fabriziert haben. Aber letztlich führt das auch zu Verunsicherung bei Leuten, die es sich nicht leisten können, einen solchen Einsatz zu bezahlen. Und dann wird er nicht gerufen, obwohl er dringend nötig wäre, weil man selbst nicht einschätzen kann, ob einem der Notarzt die Rechnung selber überlassen würde oder nicht.
Letztlich sind die Mitglieder einer Gesellschaft mit guter Krankenversorgung vielleicht tatsächlich total verweichlicht. Das kommt wohl automatisch, wenn viele Krankheiten kein Todesurteil mehr sind so wie früher. Wenn es gegen fast jede Beschwerde ein Mittel gibt, das man sich eben nur besorgen muss. Warum sollte man die Schmerzen dann aushalten? Das wäre ja auch sehr märtyrerhaft.
Aber so ist es nun mal bei uns. Meiner Meinung nach muss man dann die Krankenversorgung dem anpassen. Ich glaube nicht, dass man die Gesellschaft wieder umerziehen kann. Zumindest nicht schnell. Und letztlich wäre es eben eine Verschlechterung der medizinischen Versorgung. Ich finde die speziellen Notaufnahmen für Bagatellfälle scheinen eine gute Möglichkeit zu sein, die echten Notaufnahmen frei zu halten und dem Hausarztmangel entgegenzuwirken.
Bei uns in der nahen Region sind die Arztpraxen so und so überlaufen. Aber statt dass man das den freien Markt regeln lässt, wird das reglementiert und es dürfen sich nicht mehr Ärzte hier ansiedeln, weil das eine Verwaltung so beschlossen hat. Wenn man hier in unserer Stadt zum Augenarzt will, muss man teils ein halbes Jahr auf den Termin warten. Denn der eine Arzt nimmt fast nur noch Privatpatienten und wimmelt auch Akutfälle konsequent ab und der andere kann natürlich nicht für zwei arbeiten. Trotzdem zählt der erste Arzt als volle Arztstelle, obwohl er nicht die Leistung für alle erbringt. Total absurd.
Klar geht man dann zum Notarzt oder irgendwo anders hin, rein aus Notwehr. Nicht jeder kann eben auch zig Kilometer weiter fahren, nur weil man da vielleicht eher einen Arzt findet, der Zeit für einen normalen Termin hat. Und wenn man dann vielleicht noch berufstätig ist wird das immer schwieriger.
Klar ist das für echte Notfälle lebensgefährlich, wenn das Krankenhaus mit albernen Bagatellen überlaufen ist und die Zeit für den tickt, der echt schnell dran sein müsste. Aber ist das nicht auch irgendwo ein Fehler im System, wenn man am Wochenenden kaum die Möglichkeit hat, einen regulären Arzt zu finden, der Dienst hat. Fragt mal, wie lange ich schon herum telefoniert habe nur um heraus zu finden, wer Sonntag Notzahnarzt ist, weil das Kind plötzlich Zahnschmerzen hatte? Da ist es dann nahe liegend, 112 zu wählen, wenn man nicht weiter weiß, wie man es sonst anstellen soll.
Das Problem ist aber hausgemacht und nicht allein Schuld der Patienten. Die meisten Praxen sind völlig verstopft, weil chronisch kranke Patienten alle naselang dort antanzen müssen. Mein Hausarzt möchte mich einmal pro Quartal sehen, davor möchte er Blut und eine Lungenfunktion. Ich renne also wegen Asthma an zwei bis drei Tagen pro Quartal zum Doc. Ich will da nicht so oft hin, aber dann gibt es kein Rezept. Das brauche ich aber.
Weil das natürlich auch bei den ganzen Menschen mit anderen Krankheiten so ist, ist es voll. Akut Kranke können zwischen 7.30 und 8 Uhr für einen Termin anrufen. Das nutzen natürlich ganz viele, weil sie eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ab dem ersten Tag vorlegen müssen. Wer zu spät kommt, oder wenn schon voll ist, wird mit einem Termin in den nächsten Tagen versorgt.
Das ist bei uns in der ganzen Region so. Außerdem machen bei uns ganz viele Praxen zum Ende des Quartals für ein bis zwei Wochen zu. Bei uns in der Stadt gibt es dafür Notfallpraxen. Die liegen direkt neben einer Notaufnahme und haben mittwochs, freitags und an Wochenenden und Feiertagen Dienst.
In den Nachbarstädten, die so etwas nicht haben, landen die Menschen in der Notaufnahme. Wo sollen sie denn hin? Niemand benötigt mit einer Erklärung einen Arzt. Aber ein Krankenschein muss oft her. Und wer Angst hat, braucht auch Hilfe. Wenn es die nur im Krankenhaus gibt, kommen die Leute eben dahin.
Wir könnten zum Beispiel weg von den Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen. Das klappt in anderen Ländern auch, dort reicht die Mitteilung des Arbeitnehmers. Und weniger mit Kontrollen beschäftigte Ärzte, die ihre Praxen nicht wegen Budgetproblemen für Wochen schließen, würden auch helfen.
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