Sucht: Selbst schuld oder körperlicher Zwang?

vom 03.09.2015, 14:28 Uhr

Sucht und Drogen sind hier ja immer mal wieder Thema. Wenn ich mit anderen über das Thema Sucht allgemein rede, dann schlagen mir viele Meinungen entgegen. Man kann sie theoretisch fast alle zwischen zwei extremen Haltungen ansiedeln.

Die eine Haltung ist, dass Süchtige ihre Sucht selbst schuld sind. Da wird als Argument beispielsweise ein Alkoholsüchtiger angeführt, der schließlich bei jeder Flasche Bier oder Korn, der er begegnet, selbst die Entscheidung träfe, ob er seinem Körper den Stoff zuführt oder nicht.

Andere argumentieren damit, dass ein Süchtiger quasi hilflos sei. In seinem Körper liefen suchttypische Prozesse ab, die ihn dazu zwängen, das Suchtmittel zu sich zu nehmen. Ohne Hilfe von außen habe der Süchtige ihrer Meinung nach keine Chance, zu dem Suchtmittel Nein zu sagen.

Mich interessieren die Meinungen hier im Forum. Wie seht ihr das? Ist ein Süchtiger eurer Meinung nach Opfer körperlicher suchttypischer Prozesse? Oder haltet ihr den Süchtigen selbst für verantwortlich, weil er sein Verhalten durch den eigenen Willen steuern sollte?

» tok_tumi » Beiträge: 837 » Talkpoints: 1,20 » Auszeichnung für 500 Beiträge



Ich würde eine Sucht als Mischung aus beiden Faktoren ansehen. Wenn man erst mal süchtig ist, dann würde ich es schon so sehen, dass der körperliche Zwang im Vordergrund steht und man dann vermutlich auch mit dem Willen nicht mehr viel entgegen setzen kann. Aber vorher würde ich sagen, dass man oft doch selber schuld ist, dass man in die Sucht hinein rutscht.

Man weiß doch vorher, dass viele Dinge süchtig machen und trotzdem greifen die Menschen dazu. Dann ist aber noch keine Sucht da und in dem Moment würde ich sagen, dass dann der Wille entscheidend ist um zu sagen, dass man damit gar nicht erst anfängt.

» Barbara Ann » Beiträge: 28945 » Talkpoints: 58,57 » Auszeichnung für 28000 Beiträge


Ich denke auch, dass bei einer Suchterkrankung körperliche und psychische Aspekte eine Rolle spielen, und dass Leute, die behaupten, man könne einfach so durch Willensanstrengung eine Sucht quasi abstellen, reichlich naiv und behütet durchs Leben tappen.

Natürlich wird kaum jemand mit vorgehaltener Pistole dazu gezwungen, mit dem Rauchen oder unmäßigen Trinken anzufangen oder gar noch illegale Substanzen zu konsumieren. Aber alleine schon das Umfeld macht einen Unterschied, etwa wenn die ganze Familie raucht, trinkt oder beides. Da stellt sich für mich schon die Frage, ob gerade ein junger Mensch wirklich "selber schuld" ist, wenn er das nachmacht, was ihm Mama, Papa und der Freundeskreis vorleben.

Wenn man tatsächlich süchtig ist, steht der körperliche Zwang natürlich im Vordergrund. Dafür braucht man auch nicht bei den völlig abgewrackten Junkies nachzuforschen, das kann einem jeder Raucher bestätigen, der sich nicht selber in die Tasche lügt. Der Körper braucht bestimmte Stoffe, weil er sie selber nicht mehr herstellen kann, und dagegen ist auch der Wille in der Regel machtlos. Außerdem sollte man auch das körpereigene Belohnungsystem nicht unterschätzen. Wir Menschen machen die irrwitzigsten Dinge für ein paar Glückshormone, egal ob wir im klassischen Sinne als süchtig gelten oder nicht.

Deshalb betrachte ich Menschen mit einem Suchtproblem generell nicht als willensschwach oder charakterlos, sondern als behandlungsbedürftig. Charakteristisch finde ich auch, dass viele Leute zwar über die Alkis oder Drogensüchtigen die Nase rümpfen, aber selber entweder rauchen, übermäßig fressen oder sonst eine gesellschaftlich weniger verpönte Sucht pflegen.

» Gerbera » Beiträge: 11335 » Talkpoints: 53,75 » Auszeichnung für 11000 Beiträge



Ich würde eher sagen, es kommt auf die Situation an und für welche Süchte man anfälliger ist und ob der Betroffene das überhaupt weiß. In meiner Familie beispielsweise kommen Depressionen vermehrt vor. Ein Onkel, der auch depressiv ist, hat aus diesem Grund vermutlich seine Alkoholsucht entwickelt. Dies ist aber nicht der einzige Grund, sein Vater und dessen Eltern hatten auch Alkoholprobleme, sodass das da durchaus in der Familie liegt.

Ich hatte eine Zeit lang richtig schlimme Depressionen und nach einiger Recherche habe ich dann herausgefunden, dass Depressive besonders anfällig für Alkoholsucht und Drogensucht sind. Da ich an meinem Onkel gesehen habe, wozu Alkoholismus führen kann habe ich mich gezielt dagegen entschieden und meide Alkohol. Glücklicherweise schmeckt mir das Zeug auch nicht besonders, sodass ich noch nie das Bedürfnis hatte, zu trinken.

Daher glaube ich schon, dass man das selbst beeinflussen kann, sofern man eben weiß, dass man für bestimmte Süchte anfälliger wäre. Bei einem Kind, das früh adoptiert wurde und wo man nichts über die Eltern weiß, welche möglicherweise drogensüchtig oder Alkoholiker waren, ist das bestimmt schwieriger, weil da die Gefahr nicht gesehen und nicht erkannt wird.

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» Olly173 » Beiträge: 14700 » Talkpoints: -2,56 » Auszeichnung für 14000 Beiträge



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