Sensorsocke = Freiheitsberaubung?

vom 11.05.2015, 06:53 Uhr

Ich las vor einigen Tagen einen sehr interessanten Artikel. Es ging um einen Enkel, der wegen seines demenzkranken Großvaters eine spezielle Sensorsocke entwickelte, die zur Folge haben soll, dass man sofort eine Nachricht auf das Smartphone bekommt, wenn der Großvater nachts das Bett verlässt. Diese Socke hat einen Chip installiert, der dann sofort reagiert, wenn der Träger mit der Fußsohle den Boden berührt. So will der Enkel vermeiden, dass der Großvater verschwindet, in der Gegend herumirrt und etwas draußen auf der Straße passieren könnte.

Ich las jedoch etliche Kommentare und Kritiken, die anmerkten, dass so etwas doch Freiheitsberaubung wäre und man so etwas doch gar nicht machen könne. Das sei menschenverachtend und entwürdigend und moralisch verwerflich. Unter normalen Umständen würde ich das auch so sehen, aber ich finde gerade bei einem Demenzkranken ist es schon wichtig, dass man diesen überwacht. Außerdem würde die Socke kein GPS-Signal senden, sodass der Träger immer und überall geortet werden kann, sondern nur dann ein Signal senden, wenn der Großvater das Bett verlässt. So ist das in meinen Augen keine vollständige Überwachung.

Was meint ihr dazu? Ist so eine Sensorsocke Freiheitsberaubung? Oder seht ihr das anders? Wie sinnvoll und moralisch vertretbar ist so eine Erfindung? Würdet ihr sie für Angehörige nutzen?

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» Olly173 » Beiträge: 14700 » Talkpoints: -2,56 » Auszeichnung für 14000 Beiträge



Wie seiht denn die Alternative aus? Bisher müssen Angehörige mit dementen und vielleicht auch nur sturzgefährdeten Angehörigen Türen abschließen, damit die Wohnung nicht verlassen werden kann. Oder es kommt zur einer Fixierung über Bettgitter oder Bauchgurte. Das genehmigen Richter in der Regel, wenn der Betroffene sich sonst in Gefahr begibt.

Das ist eine Socke mit Sensor doch eine vergleichsweise minimale Einschränkung. Sicherlich muss man immer abwägen, wie man die Sicherheit gewährleisten kann und wann ein Eingriff zu weit geht. Aber ab einem gewissen Fortschritt der Erkrankung hat man wenig Möglichkeiten.

Ich nehme jetzt nur mal Fälle aus meinem Bekanntenkreis. Da setzt der demente Opa die blinde Oma auf den Rollator und fährt mit ihr spazieren. Im Geiste ist er im Park, in der Realität fährt er leider direkt auf die Treppe nach unten zu. Oder der Opa steht auf, weil er mal muss und uriniert direkt auf den laufenden Fernseher. Das ist nun auch nicht ungefährlich.

Um Straßenverkehr ist es ähnlich. Abgesehen von der riesigen Gefahr sich zu verlaufen, kommt ja noch dazu, dass manche Betroffen auch einfach auf die stark befahrene Straße gehen. Wenn sie sich in ihrem Kopf gerade ganz woanders befinden, nehmen sie ihre reale Umwelt ja nicht wahr.

Heime mit oval angelegten Gängen, damit Demente nicht an Ecken hängen bleiben und ihren Drang nach Bewegung befriedigen können oder rot gestrichene Türeinfassungen, die viele Betroffene automatisch aufhalten sind nicht weniger freiheitsberaubend. Aber sie bieten eben die Möglichkeit, dem Kranken so viel Spielraum wie möglich zu lassen, ohne dass er sich und andere gefährdet.

In den Niederlanden nutzt man beispielsweise bei sehr sturzgefährdeten, dementen Menschen Matratzen, die auf dem Boden liegen. Da kann nichts mehr passieren, aber viele Senioren kommen ohne Hilfe auch nicht hoch. Ob das jetzt mehr Freiheit bietet als ein Bettgitter? Es ist auf jeden Fall ziemlich sicher und ohne Gitter oder Gurt für die Angehörigen leichter zu sehen. Was in den Betroffenen vorgeht, das ist jedoch sehr schwer zu beurteilen.

» cooper75 » Beiträge: 13432 » Talkpoints: 519,92 » Auszeichnung für 13000 Beiträge


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