Trauer bei kollektivem Unglück anders als bei privatem?
Der Flugzeugabsturz in den französischen Alpen vor zwei Tagen hat 150 Menschen das Leben gekostet. Es wird viel in den Medien darüber berichtet. Der Absturz ist ohne Frage tragisch und ich habe tiefstes Mitgefühl für alle Angehörigen und Freunde.
Einer dieser Freunde ist meine Schwägerin. Ein Arbeitskollege, den sie schon lange kannte und mit dem sie eng zusammengearbeitet hat, saß im Flugzeug. Gestern hat sie mir das auf Facebook geschrieben. Es war eine private Nachricht an mehrere Familienmitglieder. Also keine Statusmeldung, die jeder sehen konnte.
Dennoch hat es mich etwas verwundert. Ich bezweifel nämlich sehr stark, dass sie uns das auch geschrieben hätte, wenn dieser Arbeitskollege bei einem Autounfall gestorben wäre. Ich glaube sogar, dass sie es uns nicht geschrieben hätte, wenn ihr eigener Vater gestorben wäre. Das hätte ich dann erfahren, wenn ich sie mal wieder angerufen hätte oder beispielsweise über meine Mutter.
Sie hat auch geschrieben, dass alle Kollegen sich im Schockzustand befinden. Es ist ohne Frage traurig, einen Arbeitskollegen zu verlieren. Am Montag ist er noch da, am Dienstag bleibt sein Stuhl leer. Aber wäre das Kollegium auch im Schockzustand, wenn er bei einem Autounfall gestorben wäre? Oder wären sie dann einfach "nur" traurig? Ein Autounfall wäre genauso unvermittelt.
Wohlgemerkt hat sie diese Nachricht geschrieben, bevor die erste Auswertung des Flugschreibers ergeben hat, dass der Co-Pilot die Maschine womöglich absichtlich abstürzen ließ. Das bringt noch mal eine ganz andere Dimension mit, über die ich hier aber gar nicht reden will. Die Nachricht kam, als man noch von einem Unfall ausgehen konnte.
Bei der Schule in Haltern, die auf einen Schlag 16 Schüler und zwei Lehrer verloren hat, kann ich verstehen, dass alle in einem Schockzustand sind. Sowohl die verstorbenen Schüler als auch die trauernden sind extrem jung. Und wie gesagt, so viele auf ein Mal. Ich denke, wenn sie gemeinsam in einem Bus gestorben wären, wäre die Schule ebenso in einem Schockzustand. Egal ob Flugzeug oder Bus. Es bleibt kollektiv.
Aber die Arbeitskollegen von meiner Schwägerin haben einen Kollegen verloren. Das passiert im Grunde genommen täglich irgendwo in Deutschland und das kann ganz viele Ursachen haben. Wie gesagt, das macht es nicht weniger traurig. Versteht mich da bitte nicht falsch. Ich weiß auch, dass meine Schwägerin die Nachricht geschrieben hat, weil sie eben traurig ist und ein bisschen Zuspruch gebraucht hat. Ich will das gar nicht verurteilen oder kleinreden. Ich interessiere mich nur für den psychologischen Effekt.
Im Zusammenhang mit dem Reaktorunglück und dem Tsunami in Fukushima habe ich gehört, dass es für die Trauernden einfacher ist, wenn sie mit ihrer Trauer nicht alleine dastehen. Wenn also nicht nur eine Familie um ein Familienmitglied trauert und für alle anderen das Leben weitergeht. Wenn jede Familie im Dorf oder jede Familie, die man kennt, jemanden oder sogar mehrere verloren hat, ist man nicht allein in der Trauer.
Man kann dann beispielsweise gemeinsam zum Blumenablegen am Unglücksort gehen und wird nicht von Passanten angestarrt, wie es wäre, wenn man da ganz alleine stünde und niemand wüsste, wieso. Man kann sich auch immer auf andere berufen, wenn jemand sagt, dass man genug getrauert hätte. Dann gibt es immer noch andere, die auch noch genauso trauern und ebenso noch nicht weitermachen wie bisher.
Ist die Trauer anders, wenn derjenige mit vielen anderen zusammen bei einem Unglück gestorben ist? Wodurch wird die Trauer dann verändert? Weil das ganze Land mittrauert, wie es in den Medien immer gesagt wird?
Ich denke, dass es ganz normal ist, dass wir nicht alles so an uns heran lassen kommen können. Wenn nun jemand stirbt, den wir nicht kennen, dann ist es zwar schlimm, weil man das kennt, wenn jemand stirbt, aber es ist nicht so, als wenn jemand stirbt, den wir mögen oder lieben. Das kann ja auch gar nicht gleich sein.
Bei einem Arbeitskollegen kommt es auch auf das Verhältnis zueinander an. Wenn man ihn immer nur mal grüßt, dann ist das auch lange nicht so schlimm, wie wenn man sich austauscht und miteinander redet. Dann macht es auch keinen Unterschied wie er gestorben ist, man wird trauern. Im Prinzip macht es bei einer geliebten Person kaum einen Unterschied wie es dazu kam, wir werden trauern. Was man aber auch einfach bei einer fremden oder nicht so gemochten Person kaum kann, weil man ihr einfach nicht so nahe steht und die Seele uns da schützt.
Es geht mir nicht darum, wie sehr sie den Arbeitskollegen gemocht hat oder nicht. Ich bin mir sicher, dass sie keine Nachricht geschrieben hätte, wenn genau der selber Arbeitskollege bei einem Autounfall gestorben wäre. Es geht um dieses kollektive Trauern. Ganz Deutschland weiß von dem Flugzeugabsturz. Irgendwie trauert man dann anders, als wenn nur die davon wissen, die den Mann auch gekannt haben.
Ich habe diese Schreckensmeldungen in den Medien gehört und war da schon schockiert und betroffen, bevor ich gehört habe, dass meine Familie von dem Unglück betroffen ist. Mir kamen auch die Tränen und eine richtige Gänsehaut, als immer mehr Details zu dem Unglück bekannt wurden. Zuerst wusste ich gar nicht, dass eine Schulklasse aus Haltern mit in der Maschine war.
Ich habe dies dann irgendwann durch einen Anruf meiner Familie erfahren und dann kamen eben immer mehr schlimme Details in den Medien. Ich bin ein sehr sensibler Mensch und mir geht das Schicksal anderer Menschen durchaus nahe. Daher habe ich auch verfolgt, wie der Absturz aufgeklärt wurde.
Ich denke schon, dass man bei solchen Unglücken immer Mitgefühl hat und einem die Familien und Angehörigen leid tut und man sich eben hilflos fühlt. Man muss sicherlich schon recht gefühlskalt sein, wenn einem solche Nachrichten nicht betroffen machen. Aber es ist sicherlich doch etwas anderes, wenn eben die eigene Familie betroffen ist oder man Menschen durch Arbeit, Freizeit oder wodurch auch immer kannte, die eben unter den Opfern sind.
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