Werden Autisten immer mehr zum Sündenbock?
Traurig und mit einer gewissen Beunruhigung habe ich einen bestimmten Eindruck bekommen, was die Berichterstattung bezüglich "Amokläufen", Morden und anderen schweren Gewalttaten in den letzten Monaten und Jahren anbelangt.
Und zwar dürften auch hier einige Leute ja sicherlich mitbekommen haben, dass man früher regelmäßig irgendwelche lächerlichen Details in der Täterbeschreibung nannte. Oftmals wurde betont, er habe "seltsame" Musik gehört oder sogar ominöse "Killerspiele" gespielt. Immer wieder wurden die lächerlichsten Sündenböcke ausgesucht, dabei waren die Täter offensichtlich durch jahrelanges Mobbing psychisch kaputt und sozial oftmals eher inkompetent. Aber das hat man seltsamerweise eher selten betont, stattdessen forderte man lauthals "Killerspiel"-Verbote oder echauffierte sich gegen "Satansmusik" wie beispielsweise die von Musiker Marilyn Manson. Den hatte man ja beispielsweise nach dem Attentat an der Highschool von Littleton heftig ins Kreuzfeuer genommen.
Das Geschrei über "Killerspiele" und "Satansmusik" scheint nun aber wohl in den Hintergrund zu rücken. Stattdessen darf man sich nun regelmäßig anhören, der Killer sei ein Autist, oftmals ein Asperger-Autist, gewesen. Egal, ob Adam Lanza, Daniel V. (der Vergewaltiger und Mörder von Michelle aus Leipzig), oder zuletzt, letzten Mai, Elliot Rodger. Und das sind nur drei Beispiele, Berichterstattungen dieser Art habe ich leider noch in einigen weiteren Fällen mitbekommen. Immer wieder wird die Tat damit zu erklären versucht, der Täter sei psychisch gestört gewesen, ein Autist eben. Wenn man bedenkt, dass Asperger-Autismus bei vielen Hochbegabten vorkommt und dass viele Asperger-Betroffene ziemlich friedfertig sind, finde ich so eine Berichterstattung einfach nur widerlich.
Ich sage natürlich nicht, dass jemand mit dem Asperger-Syndrom nicht gewalttätig sein könne. Natürlich kommen solche Fälle auch vor, wie bei jeder anderen Gruppe von Menschen auch. Eine Prävalenz zwischen Asperger und Gewalttätigkeit gibt es aber eben nachgewiesenermaßen nicht. Die Medien drücken Asperger-Betroffenen nun aber doch immer wieder gerne den Stempel "Gewalttätig, typisch Freaks!" auf. Oder kommt es mir nur so vor?
Ist Euch eine Häufung von Meldungen, laut denen bestimmte Straftäter Asperger-Autisten gewesen sein sollen, ebenfalls aufgefallen? Wenn ja, wie wirkte das auf Euch? Was habt Ihr gedacht, als Ihr das gelesen habt? Haben diese Meldungen Euer Bild von Asperger-Betroffenen beeinflusst?
Ich jedenfalls kann mir gut vorstellen, dass auf Leute, die sich mit dem Themenspektrum Autismus nicht auskennen, diese Meldungen, in denen Gewalttaten mit dem angelichen Autismus des Täters erklärt werden, sehr stark wirken können. Nämlich so, dass sich das Vorurteil "Autisten = Gewalttätige Verbrecher" im Gehirn festsetzt. Ein blödes Vorurteil, das letztendlich die Betroffenen diskriminiert. Demnach finde ich es absolut verantwortungslos, dass die Medien solche Meldungen veröffentlichen.
Ich finde es nicht verantwortungslos, wenn über besondere Eigenschaften eines Amokläufers berichtet wird. Dabei ist es mir gleichgültig, welche besondere Eigenschaften das sind. Wer eine solche Tat begeht, muss damit leben, dass er sich selbst in das Zentrum des öffentlichen Interesses gestellt hat.
Selbst habe ich leider bereits eine ziemlich schreckliche Erfahrung mit einem Autisten gemacht. Er wollte einem Kind, das gleich neben mir stand, mit einem Stock ein Auge ausstechen, weil das Kind seiner Meinung nach im Wald den schöneren Stock gefunden und für sich beansprucht hat.
Für mich war das eine erschreckende Erfahrung, die mich mit solchen Menschen sehr vorsichtig umgehen lässt.
Unabhängig davon bin ich in jedem Fall für Pressefreiheit in einem moralisch vertretbaren Rahmen. Wenn man anfängt, die Presse zu rügen, weil sie über den vermutlichen Autismus eines Amokläufers berichtet hat, dann muss man sich fragen: Was ist der nächste Schritt?
Zugespitzt formuliert: Sollte die Presse dann künftig auch die Nationalität eines Gewalttäters nicht mehr in ihren Berichten erwähnen dürfen, weil die Angehörigen dieser Nation sich diskriminiert fühlen könnten?
Das mag jetzt vielleicht als provokative Frage empfunden werden. Aber ich finde, wenn man die Berichterstattung so rügt, sollte man versuchen, diesen Gedanken mal zu Ende zu denken.
Schränkt man die Presse in ihrer Tätigkeit auf diese Weise ein, weil man Diskriminierung befürchtet, kann sie dann ihrer Aufgabe noch sinnvoll gerecht werden? Ich würde diese Frage verneinen.
Sicherlich halte ich anprangernde Berichterstattung nicht für sinnvoll. Aber Fakten sollten genannt werden dürfen.
Fakten sollten genannt werden dürfen. Wenn eine Person eine Straftat begeht, die spektakulär genug ist, dass die Presse darüber berichtet, und der Straftäter ist Autist, dann darf das selbstverständlich geschrieben werden!
Dass viele Autisten durchaus begabt sind und vollkommen nette Leute sein können, bedeutet ja nicht, dass andere Autisten niemals straffällig würden. Im Gegenteil: durch die Schwierigkeiten im sozialen Miteinander treten Autisten ja tatsächlich überproportional häufig als "auffällig" in Erscheinung.
Problematisch finde ich es allerdings, wenn die Presse eine Kausalität herbeispekuliert und zum Beispiel statt "Der Täter schoss wild um sich. Der Täter ist Autist." sinngemäß schreibt "Der Täter schoss wild um sich, weil er Autist ist". Letzteres wäre ethisch absolut nicht vertretbar.
Dass nun allerdings die Presse zu entsprechenden Schlüssen neigt, ist seit den frei erfundenen Spekulationen über Kausalzusammenhänge zwischen Amokläufen und Computerspielen hinreichend belegt. Da werden aber durchaus nicht nur Autisten zum Sündenbock gemacht, sondern zum Beispiel auch wie erwähnt Computerspieler, Manga-Fans, Musik-Fans und so weiter. Eigentlich kann das jede Abweichung von der Norm betreffen, die Presse wird sich leider sofort darauf stürzen. Ich habe noch nicht beobachtet, dass die Berichterstattung sich speziell gegen Autisten richten würde.
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