Kann man Drogen wirklich als etwas Positives sehen?

vom 02.09.2015, 20:38 Uhr

Ich möchte hier keine Diskussion starten, was man als Droge ansehen sollte und was man jetzt konsumieren "darf" oder welche Droge legalisiert werden sollte und welche nicht. Dafür gibt es ja genug andere Plattformen, jedoch ist mir etwas Anderes in den letzten Tagen aufgefallen und das möchte ich mit euch teilen.

Ich habe auf diesen Plattformen sehr oft gelesen, dass die Drogen doch gut seien und wenn man einen verantwortungsvollen Konsum hat, die Drogen eher als Bereicherung dienen. Es geht meistens um Psychedelische Substanzen. Diejenigen, die diese Substanzen konsumieren definieren dies dann als Sinneserweiterung und sagen, dass sie so Erfahrungen und Offenbarungen für ihr ganzes Leben gesammelt haben.

Ich selber trinke viel Kaffee, ist ja auch ein Droge und rauche ab und zu Mal etwas Gras. Jedoch habe ich Angst und großen Respekt vor anderen Drogen und werde diese wahrscheinlich auch nie anrühren. Jedoch würde es mich interessieren, ob ihr auch der Meinung seid, dass man Drogen irgendetwas Positives ansehen kann. Wie steht ihr zu dem Thema?

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» turkeyboii » Beiträge: 601 » Talkpoints: 3,94 » Auszeichnung für 500 Beiträge



Ich bin kein Experte auf diesem Gebiet, aber ich vermute, dass viele Drogen nur deshalb so gefährlich sind, weil sie zusammengepuncht sind aus irgendeinem Zeug, was keiner mehr nachverfolgen kann. Beispielsweise soll ja Kokain mit winzigen Glassplittern gestreckt werden. Einerseits, damit man mehr davon verticken kann, andererseits damit winzige Verletzungen in der Nasenschleimhaut entstehen, sodass der Wirkstoff schneller in die Blutbahn gerät. Kein Wunder, dass sowas dann auch extrem schädlich für den Körper ist.

Ein Exfreund von mir, der ziemlicher Kiffer war, hat mir auch mal erzählt, dass Gras des Öfteren mal mit Haarspray "gestreckt" wird, damit es schwerer ist und man folglich wieder weniger davon für mehr Geld verkaufen kann. Das solle man wohl daran merken, dass es knackt, wenn man es pur ankokelt. Ein Spray beim Kiffen einzuatmen schadet der Lunge sicher auch nochmal mehr als eine normale Zigarette.

Ich denke, dass Drogen weit weniger schädlich wären, wenn man sie ganz offiziell in der Apotheke kaufen könnte und sie unter guten Bedingungen in staatlichen Labors hergestellt würden. Aber dennoch glaube ich nicht daran, dass Drogen in irgendeiner Form gut sein können. Vielleicht weniger schädlich, aber niemals gesund.

Bei Marihuana ist es ja so, dass wenige Menschen in Deutschland es legal kaufen können, weil es beispielsweise schmerzlindernd wirkt und gegen bestimmte Krankheiten helfen sollen. War es Tourette? Ich erinnere mich nicht mehr so genau. Auch wenn das ein positiver Effekt ist, so kann man ja nicht verleugnen, dass es genau wie normales Rauchen der Lunge schadet. Da muss man eben abwiegen, was einem persönlich wichtiger ist.

Alles in allem denke ich aber, dass die Menge das Gift macht und bei einmaliger und verantwortungsvoller Anwendung (eben wenn das Zeug "rein" ist und nicht gestreckt) ein Trip auch schön sein kann und die Vorteile die Nachteile wie Schädigung des Gehirns überwiegen. Bekommt man bei einer OP eine Narkose, sterben dabei schließlich auch Gehirnzellen ab, aber das nimmt man in so einer Situation ja auch in Kauf.

» Cappuccino » Beiträge: » Talkpoints: Gesperrt »


Ich nehme keine Drogen und habe zu dem Thema auch eine harte Meinung. Ich kann dem Ganzen nichts abgewinnen und finde es sehr schade, dass so viele Menschen ihren Körper so verändern wollen. Man weiß nie wie man auf eine Droge reagiert und im schlimmsten Fall kann man sich mit dem Konsum eben auch umbringen. Herunterkommen oder feiern kann ich auch anders.

Natürlich haben einige Drogen auch einen positiven Aspekt bei gewissen Erkrankungen, aber abseits dessen sollte man sie meiner Meinung nach nicht nehmen, weil es den Körper schädigt.

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» Ramones » Beiträge: 47746 » Talkpoints: 6,02 » Auszeichnung für 47000 Beiträge



Ich arbeite in der Suchtreha und thematisiere mit meinen Patienten unter anderem auch die positiven Seiten des Konsums. Diese sind nun einmal da, so gern viele Leute das auch leugnen wollen. Der Mensch an sich handelt nach seiner eigenen Logik "ökonomisch". Wenn er etwas tut, dann nur, weil der (subjektive) Nutzen größer ist, als die (subjektiven, materiellen und immateriellen) Kosten. Übersteigen die Kosten den Nutzen, lassen wir es sein. Dieser (vermeintliche) Nutzen kann auf Außenstehende völlig abwegig wirken, für den Betreffenden selbst ist er aber zweifelsohne da. "Krankheitsgewinn" wäre hier ein Stichwort.

Die von meinen Patienten am häufigsten genannten positiven Konsequenzen sind:

  • Extreme Leistungsfähigkeit (z.B. Amphetamine)
  • Subjektiv empfundene Bedürfnislosigkeit/Unabhängigkeit (z.B. bei vielen Drogen fehlendes Hungergefühl und kein Schlafbedürfnis)
  • Entspannung/Entlastung bei Stress (z.B. THC, Alkohol)
  • Angstfreiheit/Sorglosigkeit (z.B. Unterdrückung sozialer Ängste, keine Zukunftsängste, keine Existenzsorgen im Sinne von "ist alles egal")
  • Euphorie und erhöhtes Selbstwertgefühl (z.B. Kokain)
  • Besseres Ertragen von Langeweile (z.B. THC, um monotone Arbeit auszuhalten)
  • Geselligkeit, soziale Integration (z.B. Alkohol)
  • Unterdrückung/Verminderung von Krankheitssymptomen (z.B. Schmerzen, Tremor)
Das Fatale ist, dass sich der Gedanke/Wunsch einstellt, dass das für immer so weiter gehen kann. Das ist ein Trugschluss. Der Kontrollverlust stellt sich fast unweigerlich irgendwann ein. Die positiven Konsequenzen sind nur kurzfristig, die negativen dagegen langfristig. Die meisten Menschen tun sich aber schwer damit, sich langfristige Konsequenzen bewusst zu machen und sie ernst zu nehmen, eben deshalb, weil sie so schleichend kommen. Die kurzfristigen (positiven) sind viel unmittelbarer spürbar und wiegen deshalb bei der Bewertung schwerer.

Die häufigsten genannten negativen Konsequenzen sind:
  • Finanzielle Einbußen bis hin zur völligen Überschuldung
  • Körperliche Erkrankungen (z.B. Hepatitis- und HIV-Infektionen, Ödeme, Thrombosen, neurologische Erkrankungen wie z.B. Korsakow-Syndrom, Neuropathien usw.)
  • Zunehmender sozialer Rückzug/Ausgrenzung bis hin zur Isolation
  • Berufliche Probleme/Arbeitsplatzverlust/Langzeitarbeitslosigkeit
  • Straffälligkeit (Gewalt, Beschaffungskriminalität, allgemein herabgesetzte "Hemmschwelle")/juristische Probleme/Inhaftierungen
  • Führerscheinverlust
  • Depressionen bis hin zu Suizidalität
  • Psychosen
  • Verlust familiärer und partnerschaftlicher Bindungen
  • Soziale, psychische und physische Verwahrlosung
  • Obdachlosigkeit
  • Privater, beruflicher und gesellschaftlicher Ansehensverlust
  • Verpasste Chancen (z.B. Schul- und Ausbildungsabbrüche)
  • Reduktion der Lebens-/Alltagsgestaltung auf den Suchtmittelkonsum
  • Weitere körperliche Beeinträchtigungen wie Zahnfäule, Haarausfall und Hauterkrankungen
  • Erhöhte Unfallgefahr im privaten und/oder beruflichen Kontext
  • Stark erhöhte allgemeine Stressbelastung (z.B. durch Craving, Beschaffungsdruck, Heimlichtuerei/Lügen/Gewissensbisse, Leidensdruck, Kontrollverlust/Ohnmachtsgefühle etc.)

» *Malin* » Beiträge: 141 » Talkpoints: 7,82 » Auszeichnung für 100 Beiträge



Ich kann Drogen absolut nichts positives abgewinnen und wenn man sich mal die Auflistung von *Malin* etwas genauer anschaut, da überwiegen wohl ganz eindeutig die negativen Begleiterscheinungen. Dieses komische Argument der Sinneserweiterung habe ich auch schon einige Male gehört, aber was das genau bedeutet oder wie sich eine solche äußert, konnte mir bisher noch niemand erklären.

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» Britta_M » Beiträge: 83 » Talkpoints: 21,07 »


Die Sinneserweiterung bzw. veränderte Wahrnehmung, die als Sinneserweiterung empfunden wird, besteht darin, dass die menschlichen Sinne unter Drogen an das Gehirn andere Informationen liefern, als im Alltag. Man könnte auch sagen, dass das Gehirn die Sinneswahrnehmungen anders verarbeitet, was auf denselben Effekt hinaus läuft.

Vergleichbar ist das vielleicht recht gut mit dem Kick, den viele beim Achterbahnfahren empfinden. Sie begeben sich in eine Situation, in der ihre Sinne völlig andere Erfahrungen an das Gehirn rückmelden als im Alltag. Das Gehirn reagiert mit Gefahrwahrnehmung, Anspannung und nach der Fahrt mit Entspannung. Bei vielen wird dies als "Kick" wahrgenommen. So verhält es sich vielfach auch beim Drogenkonsum. Das Auge meldet zum Beispiel andere Farben oder Formen an das Gehirn zurück. Oder die Signale vom Ohr werden im Gehirn so verarbeitet, dass den Konsumenten der Krach von der benachbarten Autobahn nicht mehr kratzt und er stattdessen glaubt, ihm angenehme Musik zu hören. Das ist eine andere Erfahrung und wird als Sinneserweiterung oder "Kick" empfunden.

Es gibt aber auch die entgegengesetzte Reaktion auf solche Wahrnehmungen. Verarbeitet das Gehirn diese veränderte Wahrnehmung nicht positiv, kommt es zum viel zitierten "schlechten Trip", der bei chemischen Drogen häufig ist, aber auch bei Marihuana und ähnlichem zu beobachten ist. In diesem Fall reagiert das Gehirn auf die veränderten Sinneswahrnehmungen nicht mit dem gewünschten "Kick", mit angenehmen Gefühlen oder Euphorie, sondern mit der Ausschüttung von Stresshormonen. Diese Ausschüttung und die körperliche und psychische Reaktion darauf können so stark sein, dass der Konsument ein lebenslanges Trauma davon trägt, mancher ist sogar schon dauerhaft in der Psychiatrie gelandet.

Gerade weil diese Phänomene physisch gut zu erklären und nachvollziehbar sind, verstehe ich die Verharmlosung von Drogen in keinem Fall. Es mag sein, dass ein sehr geringer Anteil der auf dem Markt befindlichen Drogen tatsächlich zur Behandlung von Krankheiten geeignet ist. Das sind in meinen Augen aber Einzelfälle. Natürlich verdienen auch die ihre Beachtung, aber das Gros der Drogen ist und bleibt für mich eine gefährliche und oft unterschätzte Gefahr, der ich nichts Positives zuschreiben würde.

» tok_tumi » Beiträge: 837 » Talkpoints: 1,20 » Auszeichnung für 500 Beiträge


Man kann Drogen sicher ganz viel Positives abgewinnen, das heißt nur nicht, dass man sie deshalb gleich konsumieren sollte. Ohne Opium hätte die Medizin heute kein Morphin zur Behandlung stärkster Schmerzen. Auch in neuerer Zeit erfundene, noch besser wirksame Schmerzmittel gehen auf Opium zurück. Loperamid, das jeder als Imodium bei Durchfall kennt, ist ein Opiumderivat. Codein zur Behandlung von Schmerzen und als Hustenstiller ebenfalls. Die Liste lässt sich weit

Kokain ist noch heute zugelassen, um bei bestimmten Eingriffen am Kopf für eine Betäubung zu sorgen. Mit Kokain kam es überhaut erst zu der Idee, dass man das Auge bei Eingriffen betäuben kann. In den Anfängen der modernen Medizin war Kokain das erste Lokalanästhetikum überhaupt. Es ermöglichte zudem die Behandlung von Asthma. Die moderne Anästhesie wäre ohne die auf Kokain zurückgehenden Präparate nicht denkbar. Lidocain, dass den Zahnarztbesuch auch bei großen Eingriffen erträglich macht, ist nur eines davon.

Warum Kokain so beliebt ist, das beschreibt Freud in seiner Arbeit "Über Coca" sehr eindrucksvoll:

„Die psychische Wirkung des Cocainum mur. in Dosen von 0,05 bis 0,10 Gramm besteht in einer Aufheiterung und anhaltenden Euphorie, die sich von der normalen Euphorie des gesunden Menschen in gar nichts unterscheidet. Es fehlt gänzlich das Alterationsgefühl, das die Aufheiterung durch Alkohol begleitet, es fehlt auch der für die Alkoholwirkung charakteristische Drang zur sofortigen Betätigung. Man fühlt eine Zunahme der Selbstbeherrschung, fühlt sich lebenskräftiger und arbeitsfähiger; aber wenn man arbeitet, vermisst man auch die durch Alkohol, Tee oder Kaffee hervorgerufene edle Excitation und Steigerung der geistigen Kräfte. Man ist eben einfach normal und hat bald Mühe, sich zu glauben, dass man unter irgend welcher Einwirkung steht.“

Heroin war einmal ein Medikament. Es ist eines der ersten synthetisch hergestellten Opioide. Das ist für Abhängige heute ein Fluch, für die Entwicklung der Medizin ein Segen. Bis 1931 wurde das Produkt von Bayer vermarktet.

Nur sind das eben alles keine Gründe, wahllos alle möglichen Drogen zu konsumieren. Aber für unser heutiges Leben ohne große Schmerzen und die Möglichkeiten zu operieren sind Drogen der Schlüssel gewesen. Unter diesem Aspekt kann man sie durchaus sehr wohlwollend betrachten, also hinter Glas als Lehrmaterial und als Forschungsgrundlage. :wink:

» cooper75 » Beiträge: 13432 » Talkpoints: 519,92 » Auszeichnung für 13000 Beiträge



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