Durch das Hören von Geschichten traumatisiert sein?

vom 20.05.2016, 12:12 Uhr

Ich habe bisher immer geglaubt, dass man nur dann traumatisiert sein kann, wenn man etwas sieht oder erlebt, das einen schon schwer mitnimmt. Das kann ein Überfall sein, ein Unfall oder auch etwas anderes. Natürlich gibt es auch Kinder, die durch Märchen traumatisiert werden können, eben weil sie befürchten, dass die Eltern sie im Wald aussetzen könnten oder die Stiefmutter sie vergiften könnte. Ich habe das aber eher für die Ausnahme gehalten und in diesen Märchen geht es ja auch meist um versteckte Botschaften und es ist nichts, das so passiert ist.

Ich habe jedoch von einem Bekannten gehört, der sich ehrenamtlich für Flüchtlinge einsetzt und der meinte, dass es normal wäre, dass die Flüchtlingshelfer und auch Dolmetscher traumatisiert würden allein durch den Kontakt mit den Flüchtlingen. Es würde auch keine psychologische Betreuung geben, sodass diese Menschen oft allein gelassen werden würden. Flüchtlingshelfer und Dolmetscher würden alleine dadurch traumatisiert werden, wenn sie hören, was die Flüchtlinge so erlebt haben.

Kann man grundsätzlich durch das Hören von Geschichten traumatisiert werden oder ist das nur ein besonderer Fall? Wie kann das denn sein, wenn man das doch gar nicht selbst erlebt hat?

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» Täubchen » Beiträge: 33305 » Talkpoints: -1,02 » Auszeichnung für 33000 Beiträge



Ich glaube schon, dass das möglich ist, wobei ich da vielleicht weniger den direkten Begriff des Traumas wählen würde, als vielmehr in Richtung einer akuten Belastungsstörung tendierte. Wenn bestimmte Faktoren zusammenkommen wie eine sensible Persönlichkeit, hohes Vermögen zur Empathie und sehr eindrücklich schreckliche Geschichten, bin ich mir sicher, dass das einen Einfluss auf die Helfenden haben kann. Nicht umsonst sollten sich Leute in Helfer-Berufen der Supervision unterziehen, um das Gehörte und Erlebte zu verarbeiten.

Unserem Gehirn ist es manchmal tatsächlich komplett egal, ob wir etwas wirklich selbst gesehen oder erlebt haben oder es uns nur vorgestellt haben. Wenn die Bilder nur eindringlich genug sind und jemand über sehr viel Phantasie verfügt, kann man auf alle Fälle unter den Trauma-Inhalten anderer mitleiden.

Mir ist mal von jemandem etwas so Schreckliches erzählt worden, dass ich darauf auch mit Körpersymptomen und erstarrtem Entsetzen reagiert habe. Die Person hatte mich vorher noch gefragt, ob sie mir das erzählen kann, aber ich habe da keinen Grund zur Sorge gesehen, weil ich schon soviel Schlimmes gehört habe. Es ging um jemanden, der beruflich mit einem gestörten Mörder zu tun hatte. Die Person schilderte mir die Tat dann in allen Einzelheiten und es waren Sachen dabei, die man selbst in einem harten Thriller in der Form nicht gehört hatte.

Ich musste wirklich um Abbruch der Erzählung bitten und es ging mir den Rest des Abends schlecht, was ich so von mir gar nicht kannte, weil ich mich nicht für leicht beeindruckbar hielt, wenn es um schlimme Sachen geht. Wenn ich mir jetzt vorstelle, ich müsste mir als Dolmetscher über Tage und Wochen immer und immer wieder so etwas anhören, würden meine Spiegel-Neuronen mich da wohl auch direkt ins Verderben führen.

» Verbena » Beiträge: 4996 » Talkpoints: 0,00 » Auszeichnung für 4000 Beiträge


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